Zwischen Selbstoptimierung und Selbstannahme: Wo stehst du gerade?
Aktualisiert: vor 6 Tagen

Drei Sätze, die wie Leuchtreklamen auf Coachingseiten, in Reels und Werbung auftauchen:
„Erwecke deine innere Kraft."
„Wachse über dich hinaus."
„Werde die beste Version deiner selbst." Und im selben Atemzug: „Liebe dich so, wie du bist."
Persönlichkeitsentwicklung ist für die meisten kein Wachstumsproblem.
Es ist ein Rhythmusproblem.
Dieser Drahtseilakt hat mich früher innerlich zerrissen. Wenn ich mich so lieben soll, wie ich bin – wieso sollte ich mich dann überhaupt verändern? Und wenn ich gleichzeitig ständig weiterwachsen muss, meine Vision vor Augen, mein Mindset auf Erfolg getrimmt – dann bleibt nur ein Schluss: Das Jetzt reicht nicht.
Dieses ständige Visualisieren, dieses gedanklich immer schon in der Zukunft sein, war extrem anstrengend. Es machte mich dumpfer. Unzufriedener. Ich fühlte mich wie eine Versagerin, weil ich es noch nicht erreicht hatte. Und weil ich mir so unfähig vorkam, hatte ich mir weder Genuss noch Belohnung noch Pause verdient. Das wäre ja noch schwächer gewesen – fast so, als hätte ich mein Ziel aufgegeben.
Kennst du diese innere Abwärtsspirale auch?
Früher bin ich mit Anlauf hineingesprungen.
Zwischen Stillstand und Selbstoptimierung
Diese Zeit liebt die Extreme, das Absolute. Ich habe mich ihr zu lange angepasst. Tat immer mehr. War nie zufrieden mit dem Zwischenergebnis. Hetzte gleich weiter zum nächsten Punkt. Schneller, weiter, höher.
Ich folgte meinen Idolen. Sog ihre Geschichten auf, die bei allen gleich klangen: eine Idee, der sie das ganze Leben unterworfen hatten. Nur noch vier Stunden Schlaf. Keine Freizeit. Kein anderer Gedanke mehr als das Ziel. Durchhalten, kämpfen – und irgendwann, endlich am Ziel, dürfen sie sich auf den Lorbeeren ausruhen. Ganz oder gar nicht, nichts dazwischen.
Ganz ehrlich: Das will ich gar nicht. Mich erschöpft schon der Gedanke, jahrelang mein Leben hintenanzustellen. Das klingt mehr nach Grizzli auf Koks als nach einem erfüllten Leben.
Für die Zeit nach dem Kampf gibt es einen eigenen Sektor: die Selfcare-Fraktion. Mein Knackpunkt: Ich konnte das gar nicht erleben. Nicht fühlen. Ich lag auf der Massageliege, spürte die Hände auf meinem Rücken – und mein Kopf rechnete längst weiter, was als Nächstes ansteht. Genau wie das Leisten wurde auch das zu etwas, das abgehakt werden musste. Innerlich lief immer diese Stimme mit: Du bist noch nicht am Ziel, du hast dir das hier nicht verdient – egal ob Massage, Kaffeepause oder freier Tag.
Kommt dir das bekannt vor?
Ich spürte, dass etwas nicht mehr stimmte. Aber das einzige Werkzeug, das ich besass, war: optimieren und umsetzen. Das Aussen konnte ich ja nicht ändern – also schaute ich auf mich selbst. Sprich: Ich war schuld daran, dass ich noch nicht dort war, wo ich hinwollte. Hatte einfach zu wenig Mindsetarbeit betrieben, mich zu wenig angestrengt.
Der Hebel der Selbstoptimierung liess sich ja noch ein Stück weiter drücken.
Irgendwann musste sich doch ein Erfolg abzeichnen, auf irgendeine Weise. Nicht nur blieb der aus – ich fühlte mich sogar immer leerer, je mehr ich an mir arbeitete.

Mein Rettungsring: Was, wenn es nicht Entweder-oder heisst?
Was, wenn du dich nicht zwischen Weiterentwicklung und Freude am Leben entscheiden müsstest?
Wenn es reicht, dass Fotografieren einfach dein Hobby ist – und du nicht daraus gleich einen Streamingkanal oder ein Side-Business aufbauen musst, das dir dank KI Geld zuspült. Wenn nicht alles Nutzen und Investition bedeuten muss.
Und wenn du gleichzeitig nicht ins Stammtisch-Gejammer verfällst – dass sowieso alles vergebens sei, früher alles besser war, man ja doch nichts ändern könne?
Mein Rettungsring hat einen Namen: Lagom.
Ein schwedisches Prinzip, das bedeutet: nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern genau richtig. Lagom lässt die Illusion verschwinden, dass du nur das eine oder das andere wählen kannst. Ganz oder gar nicht macht aus dir einen Flipperautomaten: Du schiesst von einer Ecke in die andere – und kommst nie an.
Lagom ebnet einen Weg dazwischen. Rechts liegt die Zukunftsplanung, die Visualisierung. Links das Anerkennen des Status quo. Du bewegst dich dazwischen, im Mass, das gerade zu dir passt – mal etwas mehr rechts, mal etwas mehr links. Kein Hinundher mehr zwischen den Extremen, sondern eine Entscheidung, die du bewusst triffst. Dein Rhythmus hat plötzlich verschiedene Stufen, nicht nur Vollgas oder Stillstand.
Lagom vereint. Es gibt dir die Möglichkeit, selbst zu wählen. Du überlegst: Was passt zu mir? Was will ich? Was ist jetzt gerade wirklich wichtig? Dein Weg – nicht irgendetwas Aufgesetztes oder Kopiertes.
Du hörst es schon heraus: Lagom passt sich dem Moment an. Ist es gerade stimmig, eine intensive Weiterbildung zu machen? Dann los – dann bist du eben eher auf der rechten Seite unterwegs. Lagom heisst nicht, immer absolut in der Mitte zu sein. Es heisst, auf deine Bedürfnisse zu hören und dich der aktuellen Situation anzupassen.

Persönlichkeitsentwicklung heisst nicht, eine andere zu werden
Persönlichkeitsentwicklung bedeutet nicht, eine völlig neue Person zu werden. Vielmehr geht es darum, bewusster zu werden. Zu verstehen, warum du denkst, fühlst und handelst, wie du es tust. Und daraus neue Möglichkeiten zu entwickeln.
Lagom lädt dich dabei zu einer wichtigen Frage ein: Welche Veränderung dient dir wirklich – und welche jagst du nur, weil du glaubst, anders sein zu müssen?
Selbstannahme und Wachstum gehören zusammen. Als ich begann, Lagom als Massstab zu nehmen, konnte ich den energieraubenden Kontrollzwang über die Zukunft loslassen. Erst dadurch kam meine Aufmerksamkeit wieder in der Gegenwart an. Lagom gab mir die Erlaubnis zu vertrauen: Ich bin auf meinem Weg. Ich laufe meinem Ziel entgegen.
Inzwischen kann ich über die Slogans vom Anfang nur noch müde lächeln. „Werde die beste Version deiner selbst" – wenn du Lagom lebst, bist du in jedem Moment genau das. Nicht durch Kämpfen und Aufopferung, sondern durch eine tiefe innere Verbindung zu dir selbst. Aus dieser Selbstliebe heraus willst du ganz von selbst das Bestmögliche aus dir und für dich machen – weil du das Leben als das wertvolle Geschenk siehst, das es ist.
Heute schaust du vielleicht anders auf vergangene Momente zurück. Du bist heute weiter. Weisst mehr. Bist aufgeräumter in dir. Deshalb würdest du heute anders reagieren als damals. Das sagt nur eines über dich aus: Du bist ein ganzes Stück auf deinem Weg vorangekommen. Merkst du, wie das Gewicht der Selbstvorwürfe dadurch weniger stark auf deinen Schultern drückt?
Mit dieser Sichtweise verschwinden Härte und Druck dir selbst gegenüber. Du bist immer die beste Version deiner selbst. Gehst du weiter, wirst du noch besser. Aber – ganz im Sinne von Lagom – genau jetzt, in diesem Moment, bist du bereits das Bestmögliche.
Persönlichkeitsentwicklung im Sinne von Lagom bedeutet nicht, immer mehr zu werden. Sondern immer mehr bei dir selbst anzukommen. Deinen persönlichen Rhythmus als Takt zu nehmen und auf ihn zu hören.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe: nicht die beste Version zu werden. Sondern deine eigene.

Lebe mehr Lagom
Willst du lernen, deinen eigenen Massstab zu finden – statt der nächsten perfekten Version hinterherzulaufen?
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Ich freu mich auf dich.
Deine Corinne



