Was ist Lagom?
- ctolotto
- 9. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Der Schlüssel zu einem ausgeglichenen Leben – Lagom einfach erklärt

Lagom är bäst - Schwedisches Sprichwort
Lagom ist ein zentrales Element der schwedischen Lebensweise und beschreibt ein Lebensgefühl, das immer mehr Menschen suchen: Balance, Achtsamkeit und ein bewusstes Leben im richtigen Mass.
Der Begriff hat der Legende nach seine Wurzeln in einem alten Ritual aus der Wikingerzeit. „Laget om“ bezeichnete das Zusammensitzen im Kreis, während ein Horn oder eine Schale mit Met herumgereicht wurde. Jeder nahm nur einen Schluck, seinen gerechten Anteil, damit es für alle reichte. Dieses Ritual stand für Gleichwertigkeit, Gemeinschaft und Verantwortung. Niemand nahm zu viel, niemand ging leer aus. Genau dieser Gedanke bildet bis heute den Kern von Lagom.
Lagom bedeutet, den eigenen Anteil zu nehmen und gleichzeitig seinen Beitrag zu leisten. Es geht um Balance und Harmonie – zwischen mir und meinem Gegenüber, zwischen mir und meiner Umwelt. Rücksichtnahme gehört genauso dazu wie klare persönliche Grenzen.
Und beides ist nur möglich, wenn man weiss, was man selbst braucht. In der modernen Welt haben wir diese Fähigkeit vielerorts verlernt. Statt nach unserem inneren Rhythmus zu leben, geben äussere Strukturen vor, wann wir arbeiten, essen oder Pause machen sollen, oft ohne Rücksicht darauf, wie es uns eigentlich geht.
In Schweden gilt es als Zeichen schlechten Zeitmanagements, wenn Arbeit regelmässig nicht innerhalb der vorgesehenen Arbeitszeit erledigt wird. Im deutschsprachigen Raum hingegen wird Überstundenmachen häufig als Fleiss und Stärke bewertet. Dort, wo man ist, dort ist auch die Aufmerksamkeit. Während der Arbeitszeit wird konzentriert gearbeitet, Pausen werden bewusst genommen, sei es bei der berühmten Fika oder bei einem kurzen Spaziergang, und am Feierabend geht man pünktlich nach Hause, um Zeit mit Familie, Freunden oder sich selbst zu verbringen. Die Lebensbereiche sind klar getrennt und stehen in Balance. Diese Arbeitskultur gilt als wichtiger Faktor für Lebensqualität und Stressreduktion.
Auch beim Essen wird Lagom gelebt. Die Basis bildet eine einfache, selbstgekochte und gesunde Ernährung, doch Süssigkeiten haben ebenfalls ihren festen Platz. Das sogenannte Lördagsgodis, die Samstagsleckerei, wird von Kindern und Erwachsenen gleichermassen zelebriert. Es geht nicht um Verzicht, sondern um das richtige Mass.
Soziale Treffen sind unkompliziert und gemeinschaftlich. Besonders beliebt sind Picknicks, denn die Sonne ist in Schweden etwas Kostbares. Man kommt zusammen, jeder bringt etwas mit, niemand trägt allein die ganze Verantwortung. Der Aufwand bleibt überschaubar und das Zusammensein leicht.
Der weltweit beliebte Skandi-Stil spiegelt Lagom auch im Wohnen wider. Klare Linien, helle Materialien, natürliche Farben, kombiniert mit Wärme und bewusst gesetzten Akzenten schaffen eine Atmosphäre, die zugleich schlicht und lebendig wirkt. Nichts ist überladen, nichts wirkt leer – eine Wohnform, die Ruhe, Ordnung und Wohlbefinden unterstützt.
Ein Zitat von William Morris bringt den Gedanken von Lagom treffend auf den Punkt:„Have nothing in your house that you do not know to be useful or believe to be beautiful.“
Wenn wir uns daran orientieren, entsteht Ordnung und inneres Wohlbefinden fast von selbst.
Eine weitere wichtige Lebenskomponente von Lagom ist der bewusste Umgang mit Konsum und Besitz. Es geht nicht darum, auf alles zu verzichten, sondern bewusst zu wählen. Dinge werden nicht aus Leere oder Gewohnheit gekauft, sondern weil sie gebraucht werden oder Freude bereiten. Qualität zählt mehr als Quantität. Gekauftes wird gepflegt, repariert und lange genutzt. So entsteht ein Umfeld, das nicht belastet, sondern trägt – ein nachhaltiger Lebensstil, der Ressourcen, Geld und Energie schont und gleichzeitig die eigene Lebensqualität stärkt.
Lagom lässt sich nicht direkt übersetzen. Sinngemäss bedeutet es: nicht zu viel und nicht zu wenig, sondern genau richtig.
Ein schwedisches Sprichwort sagt:„Lagom är bäst“ – das richtige Mass ist das Beste.
Dieses Prinzip lässt sich auf alles anwenden: auf Beziehungen, Arbeit, Ernährung, Wohnen und Denken. Im Kern steht immer die Frage: Was ist gerade wirklich wichtig?
Wer nach Lagom lebt, bleibt fokussiert, verschwendet keine Energie und kommt bei sich selbst an.

Mein Kater Ragnar ist dafür ein wunderbares Beispiel. Wenn er müde ist, schläft er. Wenn er Hunger hat, fordert er Futter. Tiere leben im Moment und wissen genau, was gerade zählt. Auch meine eigenen Reisen spiegeln Lagom wider. Zwei Wochen mit Rucksack, Zelt und Proviant durch die Wildnis Skandinaviens zu wandern, in eisigen Flüssen zu baden und den Elementen ausgesetzt zu sein, ist fordernd. Die zwei Hotelübernachtungen am Ende der Reise für den sanften Übergang zurück in die Zivilisation fühlen sich dafür umso göttlicher an. Anstrengung und Erholung im richtigen Mass – auch das ist Lagom.
In meinen Coachings steht Lagom selten ausdrücklich im Mittelpunkt, doch es kristallisiert sich fast immer als Essenz der Gespräche heraus. Wir leiden meist nicht an den Situationen selbst, sondern an unserer Bewertung von ihnen. Wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät und nicht mehr zu unseren Bedürfnissen passt, ist es nicht mehr Lagom. Die Lösung liegt nicht im Extrem, sondern darin, jedem Lebensbereich wieder seinen richtigen Platz und sein gesundes Mass zu geben.
Ich bin überzeugt, dass ein Grossteil unseres Stresses entsteht, weil wir dieses Mass verloren haben. Es soll immer mehr, schneller und grösser sein. Terminkalender quellen über, der Perfektionismus lässt keine Zufriedenheit zu, und unser Kopf pendelt ständig zwischen Zukunftssorgen und Vergangenheitszweifeln.

Wenn du dein Leben nach Lagom ausrichtest, kommst du wieder im Moment an. Du findest Klarheit, innere Ruhe und neue Lebensqualität. Du erlebst Gemeinschaft und entwickelst gleichzeitig gesunde Grenzen für dich selbst. Genau darin liegt die stille Kraft von Lagom.


