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Raus aus der Ohnmacht: Wenn die Welt zu laut wird

vor 4 Stunden
4 Min. Lesezeit
Frau mit ernstem Gesicht, die Handschuhe anzieht, um bereit zu sein, LebeLagom

«Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht.»

Epiktet



Abends im Bett. Du willst nur kurz schauen, was in der Welt los ist. Dein Daumen wischt über den Bildschirm: ein Krieg, der nicht aufhört, eine Firma, die Hunderte Stellen streicht. Dein Hals schnürt sich zu, deine Stirn runzelt sich und dein Nacken ist angespannt. Als du aufschaust, ist eine Stunde vergangen. Mit klopfendem Herzen versuchst du nun einzuschlafen, in dieser Welt ohne Aussicht auf eine gute Zukunft.


Obwohl dich nichts davon direkt betrifft, fühlst du dich ausgelaugt und ohnmächtig, voller Angst und Sorge.


Warum ist das so? Dein Kopf kann an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zeiten sein, in Möglichkeiten, Hypothesen und Fantasien. Dein Körper nicht. Er ist dein Fels im Hier und Jetzt. Die Verbindung zwischen beiden ist dein Nervensystem. Sendet dein Kopf nun Signale von Sorge und Gefahr aus, trägt dein Nervensystem sie in deinen Körper, und er schaltet vom Entspannungsmodus in den Überlebensmodus. Egal, ob die Gefahr auf dem Bildschirm ist oder direkt vor dir steht.


Steht sie direkt vor dir, kannst du handeln, und danach fährt dein Körper wieder herunter. Bei einer Schlagzeile findet die Anspannung keinen Ausgang. Du kannst nichts tun, das Problem bleibt ungelöst, und so bleibt auch dein Körper im Alarm.




Warum Angst sich verkauft


Medien leben davon, dass ihre Artikel gelesen werden. Also formulieren sie ihre Titel so, dass sie geklickt werden. Und Angst verkauft sich. Eine grosse Auswertung von über 100'000 Schlagzeilen-Varianten hat gezeigt: Mit jedem zusätzlichen negativen Wort im Titel klicken mehr Menschen darauf. Das liegt nicht daran, dass die Welt nur schlecht ist. Es liegt daran, dass dein Gehirn Gefahren schneller bemerkt als alles andere. Früher hat dich das geschützt. Heute hält es dich in einem Alarm, der nie endet.


Viele glauben, dass ständiges Sorgen ein Zeichen von Verantwortung ist. Aber wenn du dauernd mit Dingen beschäftigt bist, die du nicht ändern kannst, wirst du nicht wirksamer, sondern ohnmächtiger. Und Ohnmacht macht müde.


Weil dir die Energie fehlt und du ständig mit möglichen Gefahren zugeschüttet wirst, stumpfst du ab. Anders gesagt: Du gewöhnst dich an die ständige Angstmacherei, und sie wird zu deinem Normal. Genau das ist das Tückische daran. Wenn alles nach Alarm klingt, merkst du nicht mehr, wann etwas wirklich nach dir ruft.




Heimdall hört alles und schlägt nur einmal Alarm


In der nordischen Mythologie steht vor der Götterwelt Asgard ein Wächter und bewacht die Brücke. Sein Name ist Heimdall. Seine Aufgabe ist es, die Götter zu warnen, wenn die Riesen kommen. Er hat unglaublich scharfe Sinne: Er hört das Gras wachsen, sieht bei Nacht so weit wie bei Tag und braucht kaum Schlaf. Seinen Sinnen entgeht nichts.


Neben ihm liegt ein Horn, mit dem er alle Welten wecken kann. Obwohl er alles wahrnimmt, bläst er es nicht bei jedem Rascheln im Gras. Er bläst es erst, wenn wirklich Gefahr droht und es Zeit zum Handeln ist.


Dank dem Handy hast du heute so geschärfte Sinne wie Heimdall. Du bekommst alles mit, was auf der Welt passiert, wenn du willst. Was dir noch fehlt, ist seine zweite Eigenschaft: der Filter dafür, wann wirklich Zeit zum Handeln ist.




Drei Kreise: Sorge, Einfluss und Handeln


Der amerikanische Autor Stephen R. Covey hat dafür ein einfaches Bild gezeichnet: einen grossen Kreis mit allem, was dich beschäftigt, und darin einen kleineren mit dem, was du beeinflussen kannst. Später kam ein dritter, innerster Kreis dazu.



Der Handlungskreis.

Das, was ganz in deiner Hand liegt. Hier entscheidest du und kannst etwas bewirken. Wie du auf eine unfreundliche Mail antwortest, zum Beispiel.


Der Einflusskreis.

Das, was du nicht bestimmen, aber mitgestalten kannst. Du leistest einen Beitrag, der einen Unterschied macht. Bei einer Abstimmung zum Beispiel bestimmst du das Ergebnis nicht allein, aber deine Stimme zählt mit.


Der Sorgenkreis.

Alles, was dich beschäftigt, ohne dass du viel daran ändern kannst. Der Krieg auf einem anderen Kontinent gehört hierhin.



Das heisst nicht, dass du die Welt nun ganz ausblenden sollst. Manches im Sorgenkreis verdient deine Aufmerksamkeit. Wichtig ist, dass du es dort verortest, wo es hingehört: im Sorgenkreis. Manchmal lässt sich aber ein Teilstück davon lösen und in deinen Einflusskreis holen. Ein einfaches Beispiel ist eine Spende. So wird aus purem Sorgen ein Handeln, und du hast einen Beitrag zur Lösung geleistet.


Deine Energie und deine Aufmerksamkeit sind begrenzt. Du entscheidest, wie du mit dieser wertvollen Ressource umgehst. Covey hat dazu etwas Klares beobachtet: Je mehr Kraft du im Sorgenkreis lässt, desto kleiner wird dein Einfluss. Je mehr du sie in die inneren Kreise lenkst, desto stärker wird er.


Genau hier wächst Resilienz, deine innere Widerstandskraft. Sie entsteht nicht dadurch, dass dich nichts mehr berührt. Sie entsteht, weil du immer wieder unterscheidest, was deine Aufgabe ist und was nicht. Jede kleine Handlung im inneren Kreis zeigt deinem Körper: Ich bin nicht ausgeliefert. Was Resilienz grundsätzlich ist und worauf sie steht, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben.




Raus aus der Ohnmacht: drei Fragen, wenn es zu viel wird


Wie kommst du in die inneren Kreise zurück, wenn du merkst, dass du zu viel im Sorgenkreis bist?


  • Atme. Hol dich durch den Körper zurück ins Jetzt.

  • Frag dich: Kann ich das Problem selbst lösen? Wenn ja, mach es.

  • Kann ich es beeinflussen? Wenn ja, überleg dir, welche Art von Beitrag gerade zu dir passt.

  • Kann ich nichts tun? Dann bleibt das Horn liegen, und du entscheidest bewusst, dass es deine Kraft jetzt nicht bekommt.


Nicht jede Sorge braucht deine Energie.




Aber ich muss doch informiert bleiben!


Lagom heisst hier: Du schaust nicht weg, aber du lässt dich nicht hineinziehen. Du darfst mitfühlen, ohne die Last der ganzen Welt auf deine Schultern zu laden. Es ist ein stetiger Prozess, immer wieder zu dir zurückzukommen: in deinen Einflusskreis und in deine Kraft.


Was ist jetzt gerade wichtig? Wo kannst du im Kleinen etwas bewirken? Darauf darfst du deinen Fokus legen. Denn ein Kiesel, der ins Wasser geworfen wird, schlägt Wellen. Und viele kleine Steine lassen die Oberfläche beben.


Hier liegt die Kraft, die tatsächlich etwas verändern kann.



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Corinne Tolotto
Life Coach · Beratung zu Ernährung und Gesundheit

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