Intervallfasten mit Lagom: Warum dein Körper Pausen braucht

«Die Herden wissen, wann sie heimkehren sollen, und gehen dann von der Weide. Der Unkluge aber kennt nie das Mass seines Magens.»
Hávamál, Strophe 21
Zehn Uhr. Du stehst am Stehpult, in der einen Hand das Handy, in der anderen ein Gipfeli. Hunger hast du keinen. Aber es ist Znüni, das Gipfeli lag in der Kaffeeküche, und nach dieser anstrengenden Sitzung hast du dir eine Belohnung verdient. Du hast einfach gerade Lust zu essen.
Dein Tag ist voll von diesen kleinen Belohnungen: Kaffee mit Milch nach dem Aufstehen, Znüni, Zmittag, Zvieri, Znacht und am Abend noch ein Snack vor dem Fernseher. Von früh bis spät ist deine Verdauung beschäftigt. Damit bist du nicht allein. In einer Studie des Salk-Instituts in Kalifornien verteilte mehr als die Hälfte der Erwachsenen ihr Essen über fünfzehn Stunden oder mehr am Tag.
Dein Körper hat kein Hungerproblem. Er hat ein Pausenproblem.
Genau hier setzt Intervallfasten an.
Was Intervallfasten ist und was nicht
Intervallfasten ist keine Diät. Deshalb ist es auch kein Programm für ein paar Wochen, sondern ein Rhythmus, der bleiben darf. Es sagt dir nicht, was du essen sollst, sondern nur wann. Bewusste Essenspausen stoppen die permanente Energiezufuhr und lassen deinen Körper zur Ruhe kommen.
Die bekannteste Form heisst 16:8: sechzehn Stunden Pause, acht Stunden, in denen du isst. Sanfter sind 14:10 oder 12:12.
Im Englischen steckt das Fasten schon im Wort fürs Frühstück: Breakfast heisst «break the fast», das Fasten brechen. Du fastest nämlich jede Nacht. Wenn du um sieben Uhr abends Znacht isst und um sieben Uhr morgens frühstückst, hast du bereits zwölf Stunden gefastet. Intervallfasten verlängert diese natürliche Pause nur ein wenig und macht sie bewusst.

Was in der Pause in deinem Körper passiert
Nach dem Essen hat dein Körper zu tun. Der Blutzucker steigt, die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus, und die Nährstoffe werden verteilt und gespeichert. Insulin ist ein Speicherhormon: Solange es im Blut ist, sagt es deinem Körper «einlagern», nicht «verbrennen».
Wenn eine Weile nichts nachkommt, sinkt der Insulinspiegel, und dein Körper greift auf seine eigenen Reserven zu. Zuerst nutzt er den Zuckervorrat in der Leber. Nach etwa zwölf Stunden geht dieser zur Neige, und dein Stoffwechsel stellt zunehmend auf Fett um. Darum ist eine Essenspause unter zwölf Stunden nicht optimal.
So lernt dein Körper, zwischen der Energie aus dem Teller und der Energie aus seinen Speichern hin und her zu wechseln. Fachleute nennen das metabolische Flexibilität. Ein beweglicher Stoffwechsel hält deine Energie über den Tag stabil. Ein starrer verlangt alle paar Stunden Nachschub, und das spürst du als Tief am Nachmittag.
Ein Vorgang in deinem Darm zeigt besonders schön, warum die Pause zählt. Zwischen den Mahlzeiten schickt dein Dünndarm etwa alle eineinhalb bis zwei Stunden eine Art Putzwelle durch, die Reste und Bakterien weiterschiebt. Sobald du etwas isst, hört diese Welle auf, schon bei einem kleinen Snack. Das Bauchknurren in der Pause ist oft genau diese Welle. Du deutest es als: Ich bin leer, ich habe Hunger. Oft heisst es aber: Ich bin leer, jetzt kann ich endlich aufräumen.
Aufgeräumt wird auch in deinen Zellen. Fachleute nennen das Autophagie: Alte Bestandteile werden abgebaut und wiederverwertet. Für die Entdeckung, wie das funktioniert, erhielt der japanische Forscher Yoshinori Ohsumi 2016 den Nobelpreis für Medizin. Nahrungsmangel ist der stärkste bekannte Auslöser. Wie viele Stunden es beim Menschen dafür braucht, ist noch nicht geklärt. Wer aber ständig snackt, gibt diesem Aufräumen keine Gelegenheit, und der Müll bleibt im Haus.
Intervallfasten ist deshalb so grandios, weil es einen natürlichen Prozess unterstützt, statt etwas Aufgesetztes zu sein. Es schenkt deinem Körper genau das, was heute fehlt: Zeit, seinen inneren Rhythmus zu leben.

Lagom für deinen Stoffwechsel
Wie viele Gesundheitstrends wird auch Intervallfasten gern zum Wettbewerb. Die strengsten Verfechter verachten jeden, der mehr als eine Mahlzeit am Tag isst, weil der Steinzeitmensch angeblich den ganzen Tag Nahrung beschaffte und erst am Abend die Beute ass. Lass diese Leute genau dort, wo sie hingehören: in ihrer Ecke. Und wenn du dich ohnehin durchs Leben beisst, brauchst du nicht noch eine Leistung mehr.
Dein Körper sagt dir, welches Mass für dich richtig ist, wenn du auf ihn hörst. Und nein, ich meine nicht das innere Schleckermaul. Es gibt Menschen mit viel Verdauungsfeuer und einem hohen Energiebedarf, die sich mit einer einzigen Mahlzeit aushungern würden. Und es gibt Menschen mit einer trägen Verdauung, die genau das brauchen.
Auch beim Zeitpunkt gibt es kein starres Richtig oder Falsch, selbst wenn Organuhren es vorgaukeln. Dein Körper verarbeitet Zucker am Morgen zwar etwas besser als spät am Abend. Doch das beste Fenster nützt dir nichts, wenn es nicht in dein Leben passt. Brauchst du am Morgen ein Frühstück und am Abend eigentlich nichts mehr, oder ist es gerade umgekehrt?
Die Frage, die dich am weitesten bringt, ist keine Zahl. Sie lautet: Wann meldet sich bei mir echter Hunger?
Erinnerst du dich an das Gipfeli am Stehpult? Das war kein Hunger. Das war Uhrzeit und eine Belohnung. Dein Hungerhormon Ghrelin lernt deine gewohnten Essenszeiten und meldet sich pünktlich, ob du Energie brauchst oder nicht. Und dein Kopf hat gelernt, dass Essen nach einer anstrengenden Sitzung beruhigt.
Echter Hunger kommt langsam, wird stärker und lässt sich mit jedem guten Essen stillen. Emotionaler Hunger kommt plötzlich, will etwas ganz Bestimmtes und hört oft nicht auf, wenn du satt bist. Diesen Unterschied wieder zu spüren, ist für mich der grösste Gewinn des Intervallfastens.

So startest du mit Intervallfasten
1. Beobachte zuerst drei Tage. Ändere noch nichts. Notiere nur, wann du den ersten und wann den letzten Bissen isst, den Milchkaffee am Morgen eingeschlossen. Viele staunen, wie lang ihr Essfenster wirklich ist.
2. Starte mit 12:12 und verlängere langsam. Isst du um 19 Uhr zum letzten Mal, gibt es ab 7 Uhr Frühstück. Den grössten Teil dieser Pause verschläfst du. Danach schiebst du die Pause pro Woche um eine halbe bis eine ganze Stunde hinaus, so weit es dir guttut. Wenn du dich mit vierzehn Stunden wohlfühlst, bist du angekommen.
3. Iss im Essfenster richtig. Zwei bis drei vollwertige Mahlzeiten statt vieler Snacks, jede mit Eiweiss, Gemüse und gutem Fett. Intervallfasten heisst nicht, weniger zu essen. Wer im Fenster zu wenig isst, wird in der Pause vom Hunger überrollt.
4. Trink genug und lass die Hungerwelle vorbeiziehen. Kopfweh in den ersten Tagen kommt oft von zu wenig Flüssigkeit. Und Hunger kommt in Wellen, meist zu deinen alten Essenszeiten. Er flacht wieder ab, auch wenn du nichts isst, und nach einiger Zeit hat sich dein Körper an die neuen Zeiten gewöhnt.
5. Bleib beweglich. Ein Geburtstagsznacht, das länger dauert, ist kein Scheitern. Wenn du aber schlecht schläfst, zittrig wirst oder deine Gedanken nur noch ums Essen kreisen, ist dein Fenster zu eng. Dann gehst du einen Schritt zurück. Lagom heisst nicht perfekt, sondern stimmig.


Wasser, ungesüsster Tee, Wasser mit einem Spritzer Zitrone und schwarzer Kaffee. Alles mit Kalorien beendet die Pause, also auch der Schluck Milch im Kaffee oder der Löffel Honig im Tee.

Wann du nicht einfach beginnst
Sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, wenn du schwanger bist oder stillst, wenn du untergewichtig bist, wenn du Medikamente nimmst, die den Blutzucker senken, oder wenn du eine Essstörung hast oder hattest.
Dein Körper braucht nicht ständig mehr. Manchmal braucht er einfach Zeit.
Und wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass Essen bei dir öfter Belohnung ist als Hunger, dann fang nicht mit der Pause an, sondern mit dem Hinschauen. Eine Essenspause, die du gegen deine Gefühle durchhältst, kippt am Abend oft in Heisshunger. In Niðhöggrs Quelle findest du in fünf Tagen heraus, was hinter deinem emotionalen Essen steckt, und lernst wieder, echten Hunger von Trost zu unterscheiden.



