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Die Messbarkeit des Menschen: Warum Wearables und Kalorientabellen dein Gefühl nie ersetzen dürfen

  • vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen

Kalorien zählen und Wearables ersetzten nicht die eigene Intuition. LebLagom


„Ich denke, also bin ich." -Descartes

Diesen Satz kennt jeder. In der Schule wurde er mir als Wendepunkt der Menschheit verkauft: die Aufklärung, der Sieg der Vernunft über die Natur. Hatte man die Mechanik erst verstanden, so die Erzählung, war der Mensch im Grunde eine logische Maschine. Alle seine Geheimnisse: aufgedeckt.


Was für eine grosse Lüge mir dort erzählt wurde. Heute sehe ich es deutlich: Da fehlte eine ganze zweite Seite der Geschichte.


Mir geht es hier gar nicht um Geschichtsstunden. Mir geht es um die Ratio selbst, um unsere Liebe zur Messbarkeit. Berechenbarkeit gibt Sicherheit. Sicherheit gibt Kontrolle. Und Kontrolle fühlt sich nach Macht an. Das zieht sich durch unseren Alltag, ohne dass wir es je hinterfragen.



Die Sache mit den 2500 Kalorien


Hast du dich je gefragt, wie der tägliche Kalorienbedarf eines Menschen berechnet wurde? Nicht an dir. An einer Kunstfigur: dem Durchschnittsmann. Irgendwann fiel jemandem auf, dass es auch noch Frauen gibt – kleiner, feiner gebaut – also zog man von der Männerzahl einfach etwas ab und schrieb das Ergebnis fest. Diese Zahl wurde für niemanden Bestimmtes berechnet. Am wenigsten für dich.


Nur: Wie oft kommt ein Durchschnittstag in deinem Leben vor? Nie.

Dein natürlicher Zustand ist ein Wechsel. Kurze, intensive Fight-or-Flight-Phasen. Lange Rest-and-Digest-Pausen dazwischen. Hunger, Verdauung, Nährstoffaufnahme – das ist kein getakteter Prozess, er passt sich deinem Leben an. Stell dir vor, du bist mitten auf der Jagd, der Hirsch rennt, du als Höhlenmensch hinterher. Reisst dein Magen jetzt einen Halt, weil er Hunger meldet, hast du verloren. Deshalb gibt es den Anstrengungs-Modus: Hier verbrennst du Energie, und dein Hunger bleibt klein. An einem solchen Tag müsstest du dich fast anstrengen, um überhaupt auf die magische Zahl von 2500 Kalorien zu kommen.


Am Tag danach, wenn du entspannt auf dem Sofa liegst, meldet sich plötzlich ein permanentes Hungergefühl. Und gleich mit ihm dein schlechtes Gewissen, das durch die Ratio spricht: Heute habe ich doch gar nicht viel gemacht, ich darf jetzt nicht zu viel essen.


Genau hier liegt der blinde Fleck deiner Ratio. Sie denkt in Gleich-zu-Gleich: wenig Bewegung, also auch wenig Kalorien. Dabei ist es umgekehrt. In Ruhezeiten braucht dein Körper mehr Kalorien, um seine Speicher wieder aufzufüllen. In Anstrengungszeiten kommt er oft mit weniger aus, weil er im Verbrauchs-Modus läuft, nicht im Aufbau-Modus. Klammerst du dich an die Zahl statt an diese Logik, verwehrst du deinem Körper genau den Moment, in dem er sich mühelos wieder auffüllen könnte.


Bei Frauen kommt eine zweite Ebene dazu: der Zyklus. Achte einmal darauf, in welcher Phase du unbändigen Hunger hast, nie genug bekommst – und in welcher du sogar eine Mahlzeit glatt vergisst.


2500 Kalorien. Der Durchschnitt eines Tages, eines Lebens, eines Menschen. Diese Zahl hat nichts mit dir zu tun. Bist du sportlich und hast nach ayurvedischer Lesart ein starkes Verdauungsfeuer, liegst du als Frau vielleicht deutlich darüber – hältst dich aber zurück, weil dir gesagt wird, du solltest sogar mit weniger auskommen. Als stimme etwas nicht mit dir, wenn du mehr brauchst.



Warum die Tabelle nie stimmt – und warum du sie trotzdem manchmal brauchst


Was dir die Ernährungswissenschaft selten erzählt: Diese Tabellen sind Zahlenspielerei. Sie wirken bis ins letzte Detail seriös. Wie viele Kalorien in einem Lebensmittel stecken, ist genau verzeichnet – miss ab, wie viel du davon isst, und du kennst die Zahl. Nur:


  • Wie ist die Pflanze angebaut worden?

  • Wie lange wurde sie gelagert?

  • Wie hast du sie zubereitet?


Jede dieser Fragen verschiebt die Zahl von der Norm.

Und selbst die exakteste Zahl spielt keine Rolle, wenn dein Darm die Nährstoffe gar nicht aufnehmen kann. Die Theorie hat vergessen, dass daneben das echte Leben stattfindet.


Warum sind Ernährungspläne und Tabellen trotzdem wichtig? Weil dein Körper eigentlich mit dir spricht. Unbändige Lust auf ein bestimmtes Lebensmittel ist ein Zeichen, dass er einen bestimmten Stoff braucht. Ein Sättigungsgefühl zeigt dir: genug.


Ist diese innere Balance aber gestört, brauchst du die äussere Regel als Stütze:


  • Nach einer Diät oder Fastenzeit deutet dein Körper Notlage. Sein natürliches Bedürfnis ist es dann, möglichst viel Energie zu essen und einzulagern, solange überhaupt etwas da ist – hier braucht es die Disziplin des bewussten Stopps, weil das intuitive Signal gerade ausgehebelt ist.

  • Bei stark industriell verarbeiteten Produkten wird derselbe Mechanismus mit Absicht ausgeschaltet: Du kannst eine ganze Tüte Chips essen, ohne je „genug" zu spüren, schlecht wird dir erst später, wenn der Magen längst überladen ist.

  • Bei Krankheit, Medikamenten oder anderen Umständen kann dein Appetit einfach herunterfahren.


Zusammengefasst: immer dann, wenn dir dein inneres Band gerade fehlt.


Ich schreibe das nicht, um Ratio und Ernährungswissenschaft zu verteufeln. Nur um sie daran zu erinnern: Sie sind ein Teil des Bildes, nicht das ganze Werk. Lagom heisst hier: Iss intuitiv und bewusst – und wenn du einmal aus der Balance gekommen bist, nutze die Wissenschaft, um wieder dorthin zurückzufinden.



Nicht nur beim Essen


Diese Messbarkeit endet nicht beim Hunger. Schlaf, Stress, Herzfrequenz, Bewegung – auch hier nehmen uns Geräte immer mehr das Fühlen ab. Ihre nackten Zahlen sollen uns sagen, ob es uns gut geht.


Die Gefahr beginnt dort, wo wir den Zahlen mehr vertrauen als uns selbst. Wenn der erste Blick am Morgen der Ring-App gilt – genug REM-Schlaf gehabt? – bevor überhaupt ein innerer Check-in stattfindet: Fühle ich mich eigentlich erholt?


Die Techbranche kennt hier kein Halten mehr. Sie spricht inzwischen offen davon, den „überflüssigen" Körper zu revolutionieren – den reinen Verstand für immer weiterleben zu lassen. Willkommen im Transhumanismus.



Zwei Pole, eine Mitte


Ich will Technik nicht verteufeln. Ich nutze sie selbst, an den Stellen, wo sie mir sinnvoll erscheint. Sie kann wertvoll sein – als Diener, als Werkzeug, das dir genauer zeigt, an welcher Stellschraube du drehen kannst, um gesünder zu leben. Nur darf sie nie der Massstab dafür sein, ob es dir gut geht.


Der erste Impuls ist vielleicht, jetzt die Mistgabeln zu holen und alles zu boykottieren – folge dem nicht. Mit LebeLagom stehe ich für Balance. Es gibt immer zwei Pole, und die Lösung liegt im stimmigen Verhältnis der beiden. Wohldosierte Technik, dort, wo sie nützlich ist. Der Mensch bleibt im Zentrum.


Die Ratio darf bei der Intuition nachfragen – aber sie muss auch ein Nein akzeptieren, ohne eine weitere Begründung zu verlangen. Das ist die Sprache der Intuition: einsilbig. Kommt eine lange Erklärung hinterher, hat meist nicht die Intuition gesprochen, sondern eine Angst, die sich als Intuition tarnt.



Du bist keine Maschine


Behandle dich nicht wie eine. Dein Körper spricht die ganze Zeit mit dir, sagt dir, was er gerade braucht. Hast du Kopfschmerzen, kannst du dich wie ein Auto behandeln und nur das Symptom angehen. Oder du fragst: Wofür steht das gerade, was will mir gesagt werden? Das heisst nicht, dass du im Märtyrertum ausharren musst – die Schmerztablette darfst du trotzdem nehmen. Und nicht immer steckt ein Fehler dahinter, zu wenig Schlaf oder zu viel Stress in letzter Zeit. Manchmal drückt einfach das Wetter auf den Kopf. Die Botschaft dahinter könnte simpel sein: Es liegt gerade etwas in der Luft, das dir sagt, heute nicht Vollgas zu geben. Es gibt Wichtigeres als Leisten.


Genauso bei Einschlafproblemen. Du kannst noch eine Runde scrollen, bis dir irgendwann die Augen zufallen – reine Symptombekämpfung. Oder du hältst kurz inne und fragst: Wo sind meine Gedanken gerade wirklich? Hängen sie an altem Stress, der längst vorbei sein sollte? An einer neuen Sorge, die noch gar nicht ausgesprochen ist? Oder bei einem anderen Menschen, statt bei dir selbst? Manchmal steckt dahinter einfach ein Nervensystem, das seit Jahren nur noch die Anstrengungs-Taste kennt – dafür begleite ich in Odins Weg zurück in einen Rhythmus, in dem es wieder atmen kann. Dein Körper hält dich nicht zum Spass wach. Er will dir gerade etwas zeigen.


Tabellen und Gadgets sind gute Hilfsmittel, solange du sie lagom einsetzt – als Richtwert, nicht als Führung.


  • Ein Schrittzähler ist ein liebevoller Reminder, heute noch eine Runde durchs Quartier zu drehen.

  • Ein Schlafring erinnert dich daran, nicht die nächste Folge der Serie zu starten, sondern noch drei Seiten im Bett zu lesen.

  • Portionsgrössen und Kalorienangaben sind wichtig, wenn du gerade im Ausnahmezustand bist und nicht mit dir verbunden – nach einer Fastenzeit etwa, oder auf einer mehrtägigen Trekkingtour. Dort schaltet der Körper in den Überlebensmodus, das natürliche Sättigungsgefühl fällt weg, weil es jetzt darum geht, in der Notzeit möglichst viel Energie zu sammeln.


Ein wenig Disziplin mit der Ratio hält dich dann in der Mitte, statt dass du ins andere Extrem hinüberkippst.



Zurück zum Anfang: der Zweifel vor dem Denken


Erinnerst du dich an den Satz vom Anfang? „Ich denke, also bin ich." Dieser kurze Satz stammt wirklich so von Descartes selbst – „Je pense, donc je suis", geschrieben 1637. Keine Kürzung, keine Manipulation. Das war bereits seine eigene Zusammenfassung.


Aber Descartes hat an anderer Stelle noch mit zwei weiteren Bausteinen gearbeitet: „Ich zweifle, also bin ich" und „Ich bin, ich existiere." Diese Gedanken standen lose nebeneinander, bis ein anderer Philosoph, Antoine Léonard Thomas, sie über hundert Jahre später zu einer neuen Formel zusammenfügte: „Dubito, ergo cogito, ergo sum." Ich zweifle, also denke ich, also bin ich.


Das ist keine Erfindung, sondern eine Rückübersetzung dessen, was Descartes eigentlich beschrieben hatte. Am Anfang steht nicht das Denken. Am Anfang steht der Zweifel. Ein Gefühl. Eine Unsicherheit, die sich noch nicht in Worte fassen lässt. Erst daraus entsteht das Denken. Und erst aus beidem zusammen das Sein.



Genau darin liegt für mich die Antwort auf die Frage, wie du ein gesundes Verhältnis zur Technik findest. Nicht: Fühlen oder Denken. Sondern: Fühlen zuerst, Denken als Werkzeug danach. Der Zweifel, das Bauchgefühl, die Unsicherheit – das ist keine Schwäche, die du wegoptimieren musst. Das ist der Ausgangspunkt.


Die Ratio darf folgen, darf ordnen, einordnen, nachfragen. Aber sie kommt immer an zweiter Stelle.




Lebe mehr Lagom


Der Schlüssel, um deine Intuition zu stärken, trägst du bereits in dir. Frag dich nach Lagom: Was brauche ich gerade wirklich?


Und wenn sich der Zweifel meldet, ob du das allein schaffst – dann ist hier die Lösung für deine Ratio: Du musst es gar nicht allein tun. Melde dich für meinen Newsletter an und erlebe dein Lagom.


Willkommen in deinem „genau richtig".

Du gehst den Weg nicht allein.


Entdecke deinen inneren Begleiter – und danach, alle zwei Wochen, das, was wirklich hilft.

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