Löwentage - Eine Oktoberweisheit von Ragnar
- ctolotto
- 3. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.

„Wie ein gut verbrachter Tag einen glücklichen Schlaf beschert, so beschert ein gut verbrachtes Leben einen glücklichen Tod.“ Leonardo Da Vinci
Mein stolzer Kater Ragnar ist in diesem Jahr sieben geworden. Ein gesunder, erwachsener Kater im besten Alter. Und doch scheint er mir seit Anfang Oktober um Jahre gealtert zu sein. Ich stehe morgens in der Küche, er liegt auf dem Sofa. Ich gehe arbeiten, er hebt kaum den Kopf zur Verabschiedung. Ich komme mittags nach Hause, er dehnt sich, dreht sich einmal im Kreis und schläft weiter.
Am Abend höre ich ein gähnendes Maunzen. Ragnar erhebt sich, streckt die Vorderpfoten nach vorne, den Hintern in die Höhe, blinzelt in Zeitlupe und legt dann ganze fünf Meter bis zu seinem Fressnapf zurück. Drei Bissen, eine kleine Runde im Freien, dann aber schnell wieder aufs Sofa. Diese Anstrengung verlangt eindeutig nach weiterem Schlaf.
Warum ich das so ausführlich erzähle? Weil mich dieses Verhalten seit Wochen beschäftigt.
Sorgen, Freude, Neid und Unverständnis haben sich abgewechselt. Ich habe mich leise herangepirscht und seinen Bauch beobachtet, um sicherzugehen, dass er atmet. Beim Putzen wurde ich angefaucht, wenn ich ihn von seinem Fellnest vertreiben musste. Katzen brauchen viel Schlaf, das weiss ich. Löwen schlafen bis zu zwanzig Stunden täglich und in Ragnar stecken diese Gene noch tief. Und doch wirkte es auf mich zunächst befremdlich.
Je weiter der Oktober fortschritt und je anstrengender meine eigenen Tage wurden, desto mehr beneidete ich meinen Kater um diese Ruhe. Die Dunkelheit kam früher, die Tage wurden durch schwere Regenwolken nicht heller. Es war kalt, nass und alles in mir wollte nur noch eines: mich verkriechen und schlafen. Und dann fiel der Groschen.
Was hat mein schlafender Kater mit Lagom zu tun?
Lagom stammt aus dem Schwedischen und bedeutet „nicht zu viel und nicht zu wenig – genau richtig“. Lagom ist persönlich und wandelbar. Es beschreibt einen Zustand innerer Balance und beantwortet die Frage: Was brauche ich jetzt gerade wirklich?
Für meinen Kater war die Antwort klar. Sein Lagom war gerade Schlaf, also schlief er.
Ich hingegen wehrte mich innerlich gegen die Tatsache, dass der Herbst da war. Im Garten war der Wechsel der Jahreszeit sichtbar: letzte Rückschnitte, ein Laubhügel als Tierversteck, die letzten Gemüse aus dem Beet geerntet, Kürbisrezepte ausprobiert und Apfelmus eingekocht. In meinem Kopf war klar: Es ist Herbst. Doch mein Körper hatte ebenfalls umgestellt. Die dunkle Jahreszeit hatte begonnen, die Zeit der Innenschau und Einkehr. Und genau diesen Impuls hatte ich ignoriert.
Kennst du das auch? Dieses Bedürfnis, aktiv zu sein, Dinge zu schaffen, umzusetzen, voranzukommen? Doch alles hat zwei Seiten. Mein Kopf wollte weiter in der Sommerenergie funktionieren, während mein Körper längst nach Ruhe rief. Also begann ich, mein Abendprogramm bewusster nach Lagom auszurichten.
Ich zünde ein Feuer im Kamin an, kuschle mich in meine Wolldecke, trinke eine Tasse Tee und tue nichts ausser dem Feuer zuzusehen. Und wenn ich müde werde – selbst wenn es schon um acht Uhr ist – dann höre ich auf meine innere Stimme und gehe schlafen.
Ich folge der Weisheit meines Katers, der im Einklang mit seinem eigenen Rhythmus und dem Rhythmus der Natur lebt. Manchmal erkläre ich den Tag zu einem Löwentag: ein Tag, an dem ausgeruht und geschlafen werden darf, so wie es die grossen Artgenossen von Ragnar vormachen.
Hör einmal in dich hinein: Brauchst vielleicht auch du gerade einen Löwentag?
Lebe mehr Lagom.


