Migräne verstehen anstatt bekämpfen: Bewusstsein, Lagom und die Kunst der Regulation
- ctolotto
- vor 3 Tagen
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Ich schreibe diesen Beitrag nicht, um dir vier unschlagbare Tipps zu geben, wie du Migräne «loswirst». Es ist auch kein medizinischer Artikel. Dieser Text bewegt sich auf einer anderen Ebene. Es geht um meine Bewusstseinsentwicklung und um die Erkenntnis, warum Migräneanfälle in meinem Leben überhaupt auftauchen.
Seit Jahrzehnten begleitet mich in regelmässigen Abständen ein ehemals zutiefst verhasster Freund. Ich bin damit nicht allein: Auch meine Mutter und meine Grossmutter kannten ihn gut. Ich spreche von Migräneanfällen.In meinem Fall bedeutete das oft: drei Tage im Bett, schlafend, ausser Gefecht gesetzt. Schmerztabletten gehörten dazu – wirklich geholfen hat, wenn überhaupt, ein kühler Lappen auf der Stirn. Ich träumte, halluzinierte, atmete. Es ging ums Überleben.
Es gab Phasen, in denen die Schmerzen so stark waren, dass mir übel wurde. Heute bin ich in einer anderen Phase: Die Schmerztabletten wirken kaum noch, dafür sind die Schmerzen insgesamt zurückgegangen. Ich bin nicht mehr komplett ausgeknockt – und doch steht mein Alltag während der Migräne weiterhin still.
Lange Zeit war mein Bild der Migräne eindeutig: Ich war das bestrafte Opfer. Diese Krankheit war ein Fluch. Ich hasste sie.In meiner Vorstellung hatte meine Familie mir diese Migräne schlicht weitervererbt.
Irgendwann stellte sich eine neue Frage: Gibt es ein Muster?Und ja – ich habe eines entdeckt. Zu viel Stress, eine Überlastung durch Termine, Druck, mich selbst zu zwingen und konstant über meine Grenzen zu gehen, führten zuverlässig zu Migräneanfällen. Die logische Schlussfolgerung schien klar: weniger Stress.
Also begann ich hinzuschauen. Ich besuchte Stressseminare, veränderte vieles im Alltag. Doch die grossen Stellschrauben meines Lebens liess ich unangetastet – sie fühlten sich unverrückbar an, fast gottgegeben.
Die nächste Entwicklungsstufe war der Abschied vom Feindbild.Ich begann zu erkennen: Die Migräne zwingt mich zur Pause, wenn ich mir selbst keine gönne. Sie zeigt mir auf, wenn ich erneut zu weit über meine Grenzen gegangen bin.Und plötzlich tauchte eine ungewohnte Frage auf: Was, wenn die Migräne gar nicht gegen mich arbeitet? Was, wenn sie auf meiner Seite ist?
Meine aktuelle Entwicklungsstufe in dieser Beziehung hat sich erst kürzlich gezeigt. Es war kein klassischer Anfall, sondern ein unterschwelliger, permanenter Schmerz. Nichts half. Gleichzeitig war ich nicht wirklich krank – aber auch nicht wirklich fit. Halb hier, halb dort. Ein zermürbender Zustand.
Ich wechselte erneut die Perspektive.Was, wenn es nicht «nur» der Kopf ist? Was liegt darunter?
Migräne kann ein Ausdruck eines überlasteten Nervensystems sein. In meinem Fall blieb ich im Sympathikus gefangen – im Aktivierungs-, Kampf- und Alarmmodus. Der Entspannungszustand des Parasympathikus war schlicht nicht mehr erreichbar. Die Migräne wurde zum Ausdruck dieser Dysregulation. Solange kein Wechsel möglich war, blieb auch der Kopfschmerz.
Plötzlich ergab vieles Sinn. Keine Bestrafung. Keine Willkür. Kein persönliches Versagen.Und mit dieser Erkenntnis stellte sich eine neue Frage: Wie kann ich meinen Parasympathikus aktivieren?
Allein das Wissen um diesen Zusammenhang brachte Erleichterung. Unterstützend wirkten ein heisses Fussbad, regelmässiges Essen, frische Luft – und ganz banal: im Liegestuhl liegen, eingepackt in eine Wolldecke, ohne etwas «leisten» zu müssen.
Warum aber tritt Migräne in meiner Familie gehäuft auf?Ein Teil mag genetisch sein – das kann ich nicht beurteilen. Doch die epigenetische Prägung ist für mich klar spürbar. Ich habe von meiner Mutter gelernt, was ich gesehen und vor allem gefühlt habe: Daueranspannung, unterschwellige Angst, ein permanenter Alarmzustand. Entspannung bedeutete Gefahr – sie durfte nicht sein, denn «es könnte ja etwas passieren».
Nicht durch Worte. Nicht bewusst. Weder von ihrer Seite noch von meiner.Ich habe übernommen, was im Raum lag.
Mein Nervensystem blieb so lange wie möglich im Sympathikus: im Fight-Modus, in Anspannung und Energie. Und wenn es nicht mehr konnte, brach es zusammen. Drei Tage Migräne – um kurz im Parasympathikus zu landen. Danach ging es wieder von vorne los. Ein dysreguliertes Nervensystem.
Als ich begann, diese Regulation bewusst anzuschauen und sanftere Übergänge zu trainieren, entstand eine neue Erkenntnis:Wenn ich den Wechsel aktiv unterstützen kann, brauche ich die Migräne nicht mehr als Notbremse.
Was für eine Erleichterung.
In jedem Lernprozess durchlaufen wir vier Kompetenzstufen:
unbewusste Inkompetenz
bewusste Inkompetenz
bewusste Kompetenz
unbewusste Kompetenz
Diesen Zyklus erleben wir unzählige Male im Leben. Anfangs wissen wir nicht einmal, dass wir etwas nicht können. Dann erkennen wir es, üben, stolpern, lernen – bis es irgendwann selbstverständlich wird. Manchmal dauert dieser Prozess Jahre, manchmal nur Minuten.
Meine Reise mit der Migräne gehört definitiv zur langsameren Lernkurve. Vielleicht war dir diese Erkenntnis schon beim Lesen dieses Beitrags klar. Mir war sie es nicht. Selbst wenn man sie mir früher von aussen erklärt hätte – ich musste sie durchfühlen. Und ja, leider auch durch Schmerzen lernen.
Heute stehe ich an der Schwelle von der bewussten Inkompetenz zur bewussten Kompetenz. Und das bedeutet: Ich kann handeln.
Migräne ist für mich kein reines Leiden mehr, sondern ein Regulationssignal. Ich kann meinen Körper aktiv unterstützen, statt hilflos auszuhalten. Plötzlich bin ich handlungsfähig.Ich habe mehr Verständnis. Und mehr Möglichkeiten.

Mit Lagom habe ich ein wunderbares Werkzeug gefunden, um diese Regulation bewusst zu begleiten. Beide Zustände – Sympathikus und Parasympathikus – sind wichtig. Mein Körper hat mir über Jahrzehnte gezeigt, dass hier keine Balance herrscht. Ich habe es nur lange nicht als solche erkannt.
Lagom hilft mir, innezuhalten und achtsamer wahrzunehmen:Wie stark steigere ich mich gerade hinein?Warum bin ich angespannt?Gibt es einen realen Grund – oder darf der Puls jetzt sinken und die Gedanken zur Ruhe kommen?
Und du? Wo in deinem Leben befindest du dich gerade in einer bewussten Inkompetenz?
Schreib mir gern über das Kontaktformular. Ich freue mich, von dir zu lesen.


