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10 Leben: Exklusive Leseprobe (Kapitel 1) aus meinem neuen Buch

  • ctolotto
  • 22. Jan.
  • 11 Min. Lesezeit

Liebe Leserschaft

Dies ist ein besonderer Beitrag. Ich gebe euch einen Einblick in mein Buch '10 Leben', welches schon bald erscheinen wird. Die Geschichte handelt über Selbstfindung, Reue, den Mut zur Veränderung und die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht. Der Roman ermutigt Leser:innen, ihre eigenen Ängste zu hinterfragen und sich bewusst für das Leben zu entscheiden, das sie wirklich führen möchten.



TuschCollage, Raben, Buchumschlag 10 Leben von C Tolotto

Liv liegt im Sterben. Ihr Körper ist geschwächt, ihr Geist müde, doch etwas in ihr weigert sich loszulassen. Als die Göttin Hel erscheint, um sie in die Unterwelt zu führen, fleht Liv mit letzter Kraft um mehr Zeit – nicht, weil sie Angst vor dem Tod hat, sondern weil sie ihr Leben als ungelebt empfindet.

Doch anstatt direkt ins Jenseits überzutreten, erwacht Liv in einer surrealen Zwischenwelt und begegnet ihrer Weggefährtin der Elster Ester. Stück für Stück befreit sie sich von ihrer Vergangenheit und erkennt, dass sie das Leben nie wirklich ausgekostet hat, weil sie von Angst und Zweifeln zurückgehalten wurde. Doch was geschieht, wenn sie diesen Ballast ganz loslässt? Wird sie eine zweite Chance erhalten – oder ist es bereits zu spät?




Kapitel 1 Das Ende


Auf ihrer Zunge klebt ein trockener Belag. Noch immer kriecht der Geschmack von Galle mit jedem Atemzug ihre Kehle hinauf. Ihre Lippen sind hart und brüchig. Das letzte gesprochene Wort ist Tage her, zu sehr schmerzt es, den Mund zu bewegen, Worte zu formen oder auch nur zu denken. An den Augenlidern spürt sie klebriges Gekröse. Es sind die letzten Ablagerungen der Tränen ihres Anfalls. Sie lag hilflos da, mit zuckendem Rücken, unfähig das Würgen zu stoppen. Die Welt hat sich gedreht, der Hals gebrannt, fettige Haarsträhnen klebten schweissnass an Stirn und Wangen. Das Kotzbecken vor ihr hat gestunken, die sauren Dämpfe verätzten ihre Nasenhöhlen. Eine Hilfspflegerin drückte den nierenförmigen Blechteller grob an ihr Kinn und klopfte mechanisch auf ihren Rücken. Es war nicht tröstend gemeint, sondern viel mehr ungeduldig, als würde man eine Ketchupflasche leeren.

Dumpf hat sie das Fluchen der zweiten Krankenschwester mitbekommen, die an einem ihrer Unterarme herumdrückte auf der verzweifelten Suche nach einer geeigneten Vene für die Infusion. Eine Veilchenwiese ist seit ihrem Aufenthalt im Spital entstanden, auf ihr, dem menschlichen Nadelkissen und Übungsobjekt der Lehrlinge.

‚Wer ihre Venen trifft, kann auch mit einer Nadel den grauen Star im Auge stechen - ein Ehrentitel, den sich alle verdienen wollten und bisher nur zwei Schwestern erreicht hatten.


Kochsalzlösung und Morphin tröpfeln nun seit einiger Zeit am Ständer neben ihrem Bett in sie hinein. Wie lange weiss sie nicht. War es schon dunkel gewesen? Egal. Es spielt keine Rolle. Aus diesem Bett steht sie nicht mehr auf.

Das Piepsen des Pulsmessers wird schneller. Ihr Atem beschleunigt sich, als würde sie rennen.

‚Wann?‘

Die Vorhänge wippen leicht, wie von einem Windzug, obwohl das Fenster geschlossen ist. Ein Quietschen ertönt auf dem Gang, schlurfende Schritte durchqueren ihn. Unter dem Türspalt strahlt das kalte Licht der Neonröhren ins Zimmer. Ein Schatten huscht den Gang hinunter. Dann ist es wieder still.

‚Schwester Solveigs zweite Nachtrunde ist wohl zu Ende.‘, Selbst das Denken ist anstrengend. Sie zieht die Augenbrauen zusammen und dreht den Kopf stöhnend auf die andere Seite.

‚Wie lange wohl noch?‘

Die Temperatur sinkt. Ein frischer Windhauch vertreibt den Desinfektionsnebel aus dem Zimmer. Tief und gierig atmet sie ein. ‚Moos und Nadelwald, wie schön.‘ Ein Duft, den sie lange nicht mehr gerochen hat. Sie runzelt ihre Stirn, als sie versucht, ihre verkrampften Füsse ein wenig zu bewegen. ‚Wie fühlt sich schon wieder Moosboden an? Ich weiss es nicht mehr.‘ In Zeitlupe senken sich die Zehen. Sie sieht die Bewegung unter dem dünnen, brettigen Laken, spürt sie aber nicht.  Die Zehen sind nicht mehr Teil von ihr.


‚Werden die Schmerzen verschwinden?‘

Das Licht wird weicher. Sie blinzelt. Vielleicht hat Schwester Solveig eine andere Lampe eingestellt.

‚Genau, im Gang, mitten in der Nacht. Du verlierst den Verstand. Beginnt es so?‘

In den Augenwinkeln verschwimmt ihr Sichtbild in grauem Nebel. Sie schliesst die Augen und reisst sie gleich wieder auf. Auf dem Gang hat etwas heiser gekrächzt.

‚War das eine Rabe?‘

„Elster, bitteschön.“

Vor Schreck hält Liv die Luft an.

‚Ich will nicht.‘

„Was willst du nicht?“

Dieses Mal ist sie sich sicher, ein Windhauch streicht ihr übers Gesicht. Kühl und frisch, belebender als jeder Kaffee, nach dieser abgestandenen, dumpfen Zeit.


‚Jemand ist auf dem Gang. Für Schwester Solveig ist es noch zu früh. Oder kann sie es sein? Hat sie ihre Pause verkürzt? Oh, bitte lass es so sein. Ich will noch nicht.‘

Jetzt ist deutlich ein Schatten unter der Türrille zu sehen. Hoch und schlank, verästelt und mit etwas Rundlichem auf der Schulter.

„Wen nennst du hier rund?“


Ihre Finger krallen sich in die Bettdecke. Von Kopf bis Fuss ist sie angespannt.

‚Wer ist da?‘

Blätterrascheln, aus dem Windhauch ist eine Böe geworden.

‚Was willst du?‘

Sie wirft ihren Kopf von links nach rechts.

‚Nein.‘

Sie atmet keuchend ein und aus.

‚Es ist zu früh. Ich kann nicht. Ich habe noch nichts erreicht. Nur so wenig Zeit. Bitte nicht.‘


Sie schliesst die Augen, nur um sie gleich wieder aufzureissen. Ohne dass die Tür sich geöffnet hat, steht plötzlich eine Gestalt in ihrem Zimmer. Sie scheint leicht zu glimmen, doch Liv erkennt nur ihre Silhouette. Die Frau ist schlank und drahtig. Ihre Gelenke stehen knöchern, beinahe verwachsen, wie bei einer Birke, hervor.  Ein wallendes, weisses Kleid umschmeichelt ihren Körper. Die ausgefransten Enden des dünnen Stoffes bewegen sich tanzend in einem Windhauch. Ihr Haar ist lang und offen. Auf ihrem Kopf liegt eine Art Kranz aus Ästen und Flechtengewächs, wie eine Krone. Das Zimmer ist erfüllt vom Duft eines Herbsttages im Wald. Feucht, grün, wachsend und zerfallend zugleich. Auf ihrer rechten Schulter scheint immer noch dieses kugelförmige Gebilde zu sein, ein sich bewegender Schatten. Mal reckt er sich und streift sanft an ihrem Kopf entlang, mal plustert er sich auf, mal scheint er das ganze Krankenzimmer zu inspizieren.

Die Gestalt beobachtet Liv stumm. Auch wenn die Augen nicht zu sehen sind, fühlt sie, wie der Blick der Frau von den piepsenden Apparaturen, den Schläuchen entlang zu ihrem Arm wandert, einmal über ihren ausgemergelten Körper gleitet und schliesslich auf ihrer Brust ruht. Ein stechender Schmerz schiesst durch ihren Brustkorb, als wolle ihr Herz herausbrechen und zu der Gestalt fliegen. Langsam hebt das Wesen ihren linken Arm. Die Finger sind dünn und verwachsen, wirken hart und unglaublich stark wie eine Klaue. Die Handfläche zeigt nach oben und in einer fliessenden Bewegung krümmen sich die Finger, als wolle die Gestalt sie herbeiwinken.


Livs Atem stockt für einen Moment und ein Gedanke schiesst durch ihren Kopf: „Nein! Mein Leben war so erbärmlich. Bitte.“

Sie keucht und öffnet ihren Mund. Die ausgetrockneten Lippen sprengen an mehreren Stellen auf, doch es ist ihr egal. Der erste Versuch zu sprechen missglückt, die Worte wollen sich nicht formen lassen, doch sie gibt nicht auf. Ein tiefer Atemzug, ein Schlucken, dann schafft sie es: „Nein.“

Das Wesen scheint innezuhalten.

Sie atmet noch einmal und versucht es erneut: „Bitte, warte noch.“

Die Luft rund um die Frau scheint sich aufzuladen und sich zu verdunkeln.

„Es ist zu früh Ich habe noch nicht, ich bin noch nicht. Bitte!“

Liv schreit diese Worte heraus. Es sind ihre ersten Worte seit Tagen. Sie klingen kratzig und schrill, nicht von einem Menschen stammend. Doch die Gestalt schreitet unbeirrt auf sie zu. Liv drückt die Augenlider fest zusammen.

„Lass mich leben. Ich muss doch noch“, wimmert Liv vor sich hin. Sie merkt, wie sie immer schwächer wird.

„Was musst du noch?“

Rotes Flimmern lässt ihren Sehkreis noch kleiner werden. Hektisch schaut sie sich im Zimmer um. Die Gestalt hat Liv beinahe erreicht. Jetzt erkennt Liv, das lange Haar der Frau ist zweifarbig. Die eine Seite wallt in leichten dunkelbraunen Locken über ihre rechte Schulter, die linke Hälfe ist gerade und schneeweiss. Gekrönt ist das Haupt der Frau von einer verästelten Krone aus ineinanderverschlungenem, dürren Holz und lebendigem Moos und Flechten. Wo Leben ist, ist auch Tod und aus Tod entsteht Leben, ein ewiger Kreislauf. Regeln, die älter sind als die Erde selbst, es gibt keinen Anfang und kein Ende, alles ist eins. Wo Sommer ist, naht der Winter, der Tag sehnt sich nach der Nacht. Leben und Tod sind eins. Hell existiert nur durch Dunkel.

Liv ist fassungslos, als sie das Gesicht der Gestalt erblickt. Eine Seite ist von makelloser Schönheit, geschwungene Lippen, scharf geschnittene Züge, ein weicher Blick liegt im dunklen Auge der Frau. Die andere Seite des Gesichts ist blanker Knochen. Sie ist halb Mensch, halb Skelett.  Was vor Liv steht ist die Herrin von Helheim, dem Reich der Toten, eine Sagengestalt, eine alte Legende.

„Wie kann das sein? Du bist eine Legende.“

Ein tadelnd scharfer Wind schabt Liv über die Wange, einer Ohrfeige gleich.


Hypnotisiert starrt Liv auf das göttliche Wesen.

‚Sie selbst ist gekommen, für mich? Hel kommt, um mich zu holen?‘ Ohne den Blick von ihr zu lösen, spricht Liv: „Mein Leben ist nicht gelebt. Ich kann noch nicht sterben.“

Ist sie von allen guten Geistern verlassen einer Göttin zu widersprechen? Mit ruhiger Stimme und festem Blick spricht Liv langsam jede Silbe betonend: „Ich bin noch nicht bereit mit dir zu gehen. Ich brauche mehr Zeit. Ich habe nicht gelebt. Bitte.“


Der Kopf des Wesens legt sich zur Seite, als lausche es. ‚Kräh!‘

Was war das? Die Kugel auf der Schulter beginnt sich zu bewegen und verändert seine Form. Ein Hals richtet sich auf, Ein Kopf mit kurzem hartem Schnabel klackt neben dem Ohr der Göttin. Die Flügel fächern sich zu dunklen, schwarzen Federn auf. Es ist ein Rabe. Die beiden scheinen in ein Gespräch vertieft. Der Rabe flattert mit den Flügeln und nickt vehement mit dem Kopf. Das Wesen schürzt die halbe Lippe lässt den Kopf hin und her pendeln, hält inne und schüttelt ihn dann kurz und entschlossen. Wieder macht sie einen Schritt auf Liv zu.

„Nein.“

„Kräh!“

Ihre Skeletthand ist auf Livs Brust gerichtet.

Der Rabe krallt seine Klauen fest in die Schulter der Göttin. Gleichzeitig flattert er stark mit den Flügeln und versucht so seine Herrin wegzuziehen. Er scheint sich für Liv einzusetzen. Hel ignoriert ihn weiter und kommt noch näher. Livs Blick ist auf den Raben gerichtet. Jetzt erkennt sie in seinem Gefieder noch weitere Farben. Die Federn am Bauch sind weiss und die Schwingfedern schimmern in einem tiefen Blau.

‚Es ist gar kein Rabe, sondern eine Elster!‘

Die Bewegungen der Göttin sind fliessend und entschlossen, ihren Begleiter ignoriert sie weiterhin. Langsam beugt sie sich über das Krankenbett. In Livs Ohren rauscht es. Ihr Herz schlägt hart und hektisch gegen die Brust. Plötzlich stolpert der schnelle Rhythmus. Hels Hand berührt sie nun beinahe. In ihrer Brust spürt sie ein Knirschen, das Rauschen wird langsamer, als würde etwas die Leitung verstopfen. Livs Atem ist oberflächlich und schnell, als müsste sie noch etwas einholen. Sie lässt ihren Kopf zurück auf das nasse Kissen fallen. Das Wesen steht nun vor ihr, die Hand schwebt über ihrem Herzen. Beide schauen sich in die Augen.

Livs Blick wandert zum Vogel auf der Schulter. Ein goldenes Auge starrt Liv an. Der Blick dringt in sie ein, scheint direkt in ihre Seele zu blicken. Liv nimmt nichts mehr wahr, ausser diesem goldenen, pulsierenden Ring. Weder die Hand auf ihrer Brust, noch das schwache, holprige Pochen ihres Herzens, noch das Kribbeln in ihren Beinen. Mit ihrem letzten Ausatmen flüstert Liv in tonloser Stimme: „Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt.“

Dann wird alles schwarz.


Kein Laut. Kein Licht. Kein Raum.

Liv bewegt ihre Finger. Sie fühlt keine Schmerzen. Sie bewegt Arme, Rücken und auch die Beine. Alle Leiden sind verschwunden. ‚Wo bin ich?’

Es scheint keinen Boden zu geben. Liv ist einfach, doch anstatt Panik fühlt sie Geborgenheit. Rund um sie ist Wärme. Sie kann sich in alle Richtungen bewegen, nirgends findet sie Widerstand. ‚Was ist das?‘

Tastend auf allen vieren kriechend bewegt sie sich vorwärts. ‚Worauf stehe ich? Es gibt nach, es ist weich, ich kann es formen. Ist es Sand?‘


„Was willst du?“ eine heisere, krächzige Stimme hallt über Liv hinweg.

„Wer bist du?“ fragt Liv zurück.

„Ein Teil von Allem, ein Teil von Nichts. Hier ist alles eins. Eins ist die Welt. Wir sind nirgends, wir sind überall. Du bist alles. Du bist niemand. Ich bin du.“

Liv hört die Worte nicht nur. Jede Silbe kribbelt über ihre Haut, dringt in sie hinein. Liv versteht den Wortsinn nicht und doch fühlt sie, dass die Antwort wahr ist.


Die Elster erscheint vor ihr auf dem Boden und taxiert sie mir ihrem goldenen Auge.

„Was willst du, Liv?“

„Leben“

„Du hast gelebt“

„Das war kein Leben“

„Du hast geatmet, dein Herz hat geschlagen, du bist gewachsen, du hast gegessen, du hast geschlafen, dich bewegt, gesehen, gehört, gefühlt. Du hast gelebt. Also, was willst du?“

„Es war ein schlechtes Leben.“

„Ob es gut oder schlecht war, entscheidest allein du. Am Leben selbst ändert sich nichts, es war dein Leben, Liv. Ich frage dich noch einmal, was willst du?“

„Ich weiss es nicht.“

„Falsch. Du bist an diesen Ort gekommen. Das bedeutet dich hält noch etwas in der Welt fest. Was ist es?“

„Bin ich nicht tot?“

„Nein.“

„Dann will ich nicht sterben.“

„Falsch. Es ist nicht der Tod, den du fürchtest. Dein Körper ist dahingefault, er ist nicht mehr bewohnbar. Dieses Erdenleben gibt es nicht mehr für dich, deine Seele weiss das. Und doch kann sie nicht weiterziehen. Ein Wunsch in dir ist zu stark. Sprich ihn aus.“

„Ich weiss n…ich bin unsicher. Was geschieht mit mir?“


Keine Antwort. Liv fühlt in sich. Keine Schmerzen, keine Sorgen, es ist vorbei und doch nicht. Tief in ihrer Brust liegt etwas Hartes, Kompaktes. Liv geht tiefer, es ist kalt.


„Genau das. Jetzt hast du es gefunden. Beschreibe es!“ Die Elster schlägt erregt mit den Flügeln.

„Es schmerzt, ist kalt, es lähmt mich, zieht mich zurück.“ Liv runzelt die Stirn. „Es ist wie ein Geschwür. Ein schwerer Brocken, der nicht zu mir gehört, aber sich in mich hineingefressen hat. Was ist das?“

„Das ist der Grund weshalb du hier bist.“

„Es macht mir Angst.“

„Wovor genau hast du Angst, Liv?“

„Ich will nicht vergessen werden.“

„Falsch. Was war dein innigster Wunsch, wovor wolltest du flüchten?“

„Schmerz“

„Nein. Schmerz war deine Erlösung. Dein Verdienst, jedenfalls hast du das geglaubt. Nicht nur hier, dieser Klumpen begleitet dich schon sehr lange, nicht wahr? Er saugt an deiner Lebenskraft, hält dich zurück, lässt dich zweifeln.“

Ohne zu zögern flüstert Liv: „Ja.“

„Wenn dir etwas Schönes widerfahren ist, meldete sich immer gleich eine kleine Stimme in dir, dass du das nicht verdient hast, dass es einen Haken hat, dass es vergeht. Nicht wahr?“

„J..“ Livs Stimme wird brüchig. Der Klumpen pulsiert und labt sich an ihrem Schmerz.

„Auch jetzt denkst du an nichts anderes, als dass es hätte anders sein sollen. ‚Warum habe ich nicht? Warum ist mir nicht? Wieso hätte es nicht einfach..?‘ Es ist immer dasselbe.“ Das goldene Auge der Elster ist auf Liv gerichtet. Liv sitzt zusammengekauert vor ihr und wiegt sich vor und zurück.

„Doch so stark, wie bei dir habe ich es noch nie erleb,“ meint die Elster nachdenklich.

„Sag mir endlich, was es ist, Vogel!“

„Weisst du es immer noch nicht?“

„Nein. Ich mag es nicht, ich will es nicht, es soll mich loslassen!“

„Das ist deine Reue, Mädchen. Und sie hält dich nicht fest, du hältst sie fest. Solange du dies tust, bist du zu schwer zur Weiterreise.“

„Was bedeutet das?“

„Jede Seele kommt aus der Anderswelt und kehrt in die Anderswelt zurück. Doch du bist durch deine Reue noch an die Welt gebunden, wo du aber nicht mehr hingehörst. Wenn du die Reue nicht loslässt, bleibst du hier, zwischen den Welten. Lass sie los und komm mit mir. Sprich deine Reue aus und du bist frei.“


Eine lange Pause entsteht.


„Bei dir klingt es so einfach.“

„Es ist so einfach.“

„Beschreib mir noch einmal, wie es sich anfühlt.“

Livs Finger sind taub vor Kälte und doch tastet sie ein weiteres Mal den schwulstigen Klumpen ab.

„Es hat Dellen, ist uneben. Rillen führen über seine Oberfläche. Für seine kleine Grösse wiegt es viel zu viel.“

„Zähle die Rillen.“

„Was?“

„Zähle sie!“

Liv dreht den Klumpen in ihren Händen, runzelt die Stirn und murmelt.

„Ich glaube, es sind zehn.“

„Bist du sicher?“

„Ja, es sind zehn Rillen.“

„Nun verstehe ich“, murmelt der Vogel und hüpft unruhig hin und her. Nach einer Pause dreht sich die Elster zu Liv um und taxiert sie mit ihrem goldenen Auge.


„Diesen Klumpen wirst du wirklich nicht so einfach los. Mädchen, du hast lange gebraucht ihn aufzubauen, es wird nun auch seine Zeit dauern, ihn zu lösen. Bist du bereit dafür?“

„Was geschieht, wenn ich es nicht tue?“

„Dann ist deine Reise hier zu Ende. In dieser Zwischenwelt von ‚hätte ich nur‘ und ‚könnte ich vielleicht‘ gefesselt für die Ewigkeit.“

„Das klingt schrecklich.“

„Das ist es auch.“

„Dann werde ich versuchen diesen Klumpen zu lösen.“

„Gut. Zehn Rillen. Zehn Dinge, die du bereust. Es genügt nicht, nur eines anzugehen. Du musst alle lösen, um diesen Klumpen loszuwerden, jeder nagt an einer anderen Stelle an dir. Du musst dich ganz von ihm lösen, um frei zu sein. Hast du das verstanden?“

„Ja.“

„Gut.“

„Hilfst du mir?“

Die Elster lacht: „Warum, Mädchen, denkst du, bin ich hier?“

„Wie kann ich also meine Reue ablegen?“

Doch die Stimme schweigt. Nur ein Flügelschlagen dringt aus der Ferne.




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